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Eine Anekdote Zum Antriebsrad Der Dolderbahn

Eine Anekdote zum Antriebsrad der Dolderbahn

Es war einmal ein altes Zürcher Antriebsrad aus dem Jahre 1895. Nach vielen Jahren Arbeit und unzähligen Kilometern am Adlisberg fand es seinen Ruhestand an einer nackten Aussenwand der Zwischenstation der Dolderbahn. Das Rad konnte mit den Massen der Elefanten im Zürcher Zoo durchaus mithalten, betrug sein Durchmesser doch stattliche 3.2 Meter. Auf der Waage schnellten die Zeiger in Rekordtempo zur Marke von 3.7 Tonnen. Eindrücklich! Tagein, tagaus beobachtete es die Menschen wie sie kamen und gingen. Es fristete kein so glückliches Dasein, denn Regen, Hagel und Schnee setzten dem ehemals wunderschönen Antriebsrad zu. Glücklicherweise bemerkte das auch eine gute Fee. Sie hatten Mitleid mit ihm und suchte für das Relikt ein neues Zuhause.

Eines Tages tauchten starke Männer auf, deren Kleider mit folgender Stickerei geziert waren: RUCH. Diese Männer machten nicht lange Firlefanz, entfernten das Rad dennoch vorsichtig von der Wand und hievten es auf einen Speziallastwagen. «Was? Ich werde in meinen alten Tagen noch entwurzelt? Das habe ich nun wirklich nicht verdient!» Seine Gedanken drehten sich wie ein Karussell. 80 Kilometer lag das Rad auf der Ladefläche eines Lastwagens, durchquerte einen ultralangen dunklen Tunnel, bis es einen wunderschönen See erblickte, der in eine traumhafte Bergwelt eingebettet war.

Bei der Firma Teko in Flüelen war dann Endstation. «Jetzt gibt’s ein kleines Facelifting», hörte das Rad die Männer sagen. Und wirklich, nach einer fundierten Behandlung und nach einer neuen Legierung sah das Antriebsrad nach ein paar Tagen wieder aus wie neu.

Die Reise ging weiter. Sie führte in Altdorf am Willhelm Tell vorbei, durch enge Gassen bis zu einem Kreisel. Dann drehte der Lastwagen scharf nach links. Das Rad erblicke Erstaunliches. Komischerweise wurde das rostrote, moderne Gebäude nämlich mit genau den gleichen Lettern geziert wie die Arbeitskleider der starken Männer. «Das ist ja noch immer nicht meine geliebte Heimat!», dämmerte es dem verwirrten Antriebsrad. Es musste eine weitere Abladeprozedur mit dem Hubstapler über sich ergehen lassen. Dann landete es in einer Lagerecke, wenigstens mit toller Aussicht auf die hohen Berge. Langsam gewöhnte es sich an seine neue Umgebung. Gerne schaute es den aufgestellten, humorvollen, fleissigen Menschen bei der Arbeit zu, betrachtete die Felsen am Gitschen und konnte sich nach seinen Reisestrapazen prächtig erholen.

Nach einer Weile im Kuraufenthalt hörte es plötzlich ein vertrautes Geräusch, welches für immer und ewig in seinem Oberstübchen eingraviert war. Es war… das Motorengeräusch des Speziallastwagens. «So, die Zeit ist gekommen, um vom schönsten Flecken der Schweiz Abschied zu nehmen», sagte ein Herr namens Stephan zu ihm. Eine weitere Aufladeprozedur musste das Rad über sich ergehen lassen. Und so trat es zusammen mit den starken Männern die Rückreise nach Zürich in seine geliebte Heimat an.

Am Adlisberg wurde es einmal mehr vom Lastwagen gehievt, auf einem Hubstapler festgebunden und ins Häusschen der Bergstation der Dolderbahn transportiert. Das war für die starken RUCH-Männer alles andere als einfach. Sie mussten sogar eine Bank und ein Geländer abmontieren, um das 3.7 Tonnen schwere Rad mit dem Hubstapler an den gewünschten Platz zu befördern. Mit einer schlauen Konstruktion befestigten sie es dann an einer geschützten Innenwand mit Blick aufs Perron.

In seinem wunderschönen Zuhause kann sich das Antriebsrad nun fortan von seiner gepflegtesten Seite zeigen, den Ausblick auf die Passagiere geniessen, Komplimente über sein schönes Aussehen entgegennehmen und seinem Ruhestand frönen. Ohne Hagelschauer, ohne Schnee und ohne Regen. Dank der guten Fee.

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