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Uri: Über 60 Kleinfirmen Haben Profitiert

Uri: Über 60 Kleinfirmen haben profitiert

ZENTRALSCHWEIZ ⋅ Das lokale Gewerbe konnte auf der Neat-Baustelle viele Aufträge angeln. Diese Einnahmen fallen jetzt weg – aber nur vorerst.

Viele internationale Fachkräfte wurden herangezogen, um den hochmodernen Neat-Tunnel zu realisieren. Doch nicht nur: Das Bauwerk hat einen grossen Schneeballeffekt ausgelöst, von dem nicht nur die Spezialisten für den Rohbau, sondern auch viele Klein- und Mittelunternehmen «nicht unwesentlich» profitiert haben. Diese Bilanz zieht René Röthlisberger, Präsident des Verbands Wirtschaft Uri, auf Anfrage. «Das lokale Kleingewerbe konnte über Jahre zusätzliche Umsätze generieren, bis in die jetzigen, letzten Tage des Baus.»

Er nennt etwa verschiedene Urner Velohändler, die über 100 E-Bikes verkaufen konnten, damit die Bauarbeiter schnell zu ihrem Arbeitsplatz im Innern des Berges gelangten. Ebenso konnten Blumenläden, Bäckereien und Metzger in der Umgebung für diverse Anlässe und Feierlichkeiten der Neat ihre Ware zuliefern. «Die Liste der Unternehmen, die direkt von der Neat profitiert haben, ist lang», so Röthlisberger. Er selber war als Geschäftsführer der Heitkamp Construction Swiss GmbH für den Tunnelbau und die Bahntechnik im Neat-Projekt mitverantwortlich.

Ortsansässigkeit als Vorteil

Gemäss der AlpTransit Gotthard AG, die Bauherrin der Neat, haben neben grösseren lokalen Firmen über 60 Kleinunternehmen während sechs Jahren Aufträge für die Neat ausgeführt (siehe auch Box). Ein Beispiel ist die Ruch Metallbau AG aus Altdorf: Die Firma hat unter anderem Stahlkonstruktionen hergestellt, an denen die Fahrleitungen angebracht worden sind. Die anspruchsvollen Schweisskonstruktionen wurden jeweils im Abstand von 25 Metern an die Tunnelwand und -decke montiert. Bei einer Tunnellänge von 57 Kilometern sind dazu mehrere tausend Konstruktionsteile nötig. «Die Neat hat uns gute Aufträge beschert», sagt Geschäftsinhaber Andreas Ruch. Über zwei Jahre seien einzelne Spezialisten seiner 60 Mitarbeiter mit dem Auftrag im tiefen einstelligen Millionenbereich beschäftigt gewesen. Eine Spezialmaschine wurde dafür extra angeschafft.

Dass sich seine Firma gegen die Konkurrenz – auch aus dem Ausland – durchsetzen konnte, lag laut Ruch an der Ortsansässigkeit. «Wir konnten die Bauteile sehr schnell liefern.» Zudem verfügte sein Unternehmen bereits über die erforderliche Qualitätszertifizierung durch die SBB.

«Alles in allem hat sich die Neat positiv auf die Urner Volkswirtschaft ausgewirkt», bilanziert denn auch der Urner Volkswirtschaftsdirektor Urban Camenzind (CVP). Beim Baustart vor 17 Jahren herrschte noch Skepsis darüber, ob die Urner von der Grossbaustelle mehr als nur Staub und Lärm abbekommen würden. Der österreichische Bauriese Strabag etwa hatte damals die Wohnbaracken für seine Mitarbeiter in Amsteg oder Silenen selber erstellt.

Dörfer konnten Schulden abbauen

Allen Zweifeln zum Trotz: Die Wertschöpfung blieb zu einem beträchtlichen Teil innerhalb der Region. Gemäss Zahlen der AlpTransit Gotthard AG wurden allein in den Gemeinden Amsteg, Erstfeld und Altdorf Neat-Investitionen von rund 1,5 Milliarden Franken getätigt. Die Einnahmen aus den Quellensteuern der ausländischen Arbeiter in den Urner Gemeinden belaufen sich schätzungsweise auf 30 Millionen Franken. «Silenen und Erstfeld konnten damit ihre Schulden abbauen», sagt Camenzind.

Auch zahlreiche Arbeitsplätze wurden geschaffen. Wie viele es schliesslich waren, lässt sich nicht beziffern. Zudem konnten dank der Grossbaustelle laut Camenzind auch andere Projekte, etwa für den Hochwasserschutz, realisiert werden. «Da sowieso am Gelände eingegriffen wurde, wollten wir vorhandene Synergien gleich nutzen.»

Profitieren konnten in der Zentralschweiz vorab die Urner. «Die Neat war bei uns nie ein Thema», sagt Roland Vonarburg, Zentralpräsident des Luzerner Gewerbeverbandes. «Ich kenne nur vereinzelte Luzerner Firmen, die Neat-Aufträge ausgeführt haben.»

Ausbleibende Aufträge «abfangen»

Doch wie geht es jetzt weiter? Folgt in Uri nach Jahren des Profits jetzt eine Rezession? «Davor habe ich keine Angst», sagt Regierungsrat Camenzind. «Bestimmt werden Aufträge rückläufig sein, vor allem in der Baubranche. Doch die Urner Wirtschaft hat Schwankungen bisher immer gut aufgefangen.»

Zudem hätten sich die Arbeitgeber und -nehmer auf den Zeitpunkt der Fertigstellung vorbereiten können. Arbeitsverträge wurden teilweise bewusst nur befristet ausgestellt. Jene ehemaligen Neat-Arbeiter, die sich bereits beim Urner Arbeitsamt gemeldet haben, sind laut Camenzind meist gut qualifiziert und nicht gefährdet, dem Steuerzahler langfristig zur Last zu fallen.

Neat-Einsatz ist eine gute Referenz

Für die regional ansässigen Firmen war die Neat-Baustelle aber nicht nur ein lukrativer Auftraggeber. René Röthlisberger von Wirtschaft Uri erklärt: «Die Neat ist ein Grossprojekt mit internationaler Strahlkraft – das ist für jede Firma, die daran gearbeitet hat, eine gute Referenz.» Mit dem gewonnenen Know-how würden sich die Firmen für andere Projekte anbieten, und sie seien auch routinierter im Umgang mit einer Angebotserstellung.

Und schon bald werden sich die Zentralschweizer Firmen für das nächste Bauwerk bewerben können: Mit dem Bau des zweiten Gotthard-Strassentunnels liegt auch dieses Projekt vor der Haustüre der Urner Firmen. Baustart ist voraussichtlich im Jahr 2020 – dann könnte der Schneeball wohl erneut rollen.

Niels Jost

Bild: AlpTransit Gotthard AG

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